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Nachdem ich mich mir neulich den Bahnübergangsunfall von Monzingen angesehen habe, möchte ich mich nun zu den Beinaheunfällen von Hameln äußern.

Am 24.02.2016 kam es gegen 14:31 Uhr und 16:43 Uhr jeweils zur gegenseitigen Gefährdung zweier Regionalbahnen der NordWestBahn. Die Ursache lag in beiden Fällen in der Zulassung der Ausfahrt eines Zuges in einen noch durch einen Gegenzug belegten Abschnitt. Unter leicht abweichenden Umständen wäre es zur Kollision beider Züge und damit zu einem schweren Unfall gekommen.

Planmäßig kreuzen sich die Züge der RB 77 im Bahnhof Hameln stündlich zur Minute :27/:28. Aufgrund einer Störung des Streckenblocks konnte der Fahrdienstleiter (Fdl) Hameln das Ausfahrtsignal des Bahnhofs Hameln nicht auf Fahrt stellen. In diesem Fall muss der Fdl die Sicherung des Fahrweges selbstständig mittels geeigneter Ersatzmaßnahmen durchführen und die Ausfahrt des Zuges mittels schriftlichen Befehl oder Ersatzsignal zulassen. Hierbei wurden mehrere grundlegende Sicherungsprinzipien verletzt.

Zunächst wollen wir uns ansehen, welche Schritte bei einer Fahrwegsicherung durchzuführen sind.

Zunächst muss der Fdl prüfen, ob die Weichen, welcher er für die Zugfahrt umstellen muss, frei sind und nicht für einen anderen Zug reserviert sind. Hierbei hatte er jedoch missachtet, dass die Einfahrweiche noch für den einfahrenden Zug von der eingleisigen Strecke umgestellt war. An dieser Stelle bereits hätte der Fdl warten müssen, bis der Zug eingefahren ist.

Anschließend werden sämtliche Weichen in die richtige Stellung umgestellt. Das war technisch verhindert, da die Einfahrweiche noch verschlossen war. Die Umstellung ist jedoch zwingend für die Zulassung einer Zugfahrt.

Jetzt wird geprüft, ob der Fahrweg frei von Fahrzeugen und anderen Hindernissen ist. Dieses war jedoch für die eingleisige Strecke nicht der Fall. Hierfür hätte der Fdl zunächst die Ankunft des Zuges am Bahnsteig abwarten müssen, dann hätte er dem Kollegen in Voldagsen (nächster Bahnhof der eingleisigen Strecke) den Zug zurückmelden müssen. Anschließend hätte er ihm den wartenden Zug anbieten können. Nach Annahme durch den Fdl Voldagsen hätte der Fdl Hameln die Sicherung der Zugfahrt fortsetzen dürfen.

Anschließend hätte der Fdl die Weichen festlegen und sichern gemusst. Dieses erfolgt entweder über die Sicherungstechnik oder über Tastensperren. Da die Weichen umgestellt wurden, während der Zug bereits ausfahren durfte, ist davon auszugehen, dass diese Maßnahmen nicht erfolgt sind.

Anschließend hätte erst der Fdl die Zugfahrt zulassen dürfen. Er hat jedoch noch während der Einfahrt des Zuges aus Voldagsen den Befehl ausgestellt. Das Zwischensignal am Ende des Bahnsteig hätte die Ausfahrt verhindern können, stand jedoch auch schon auf Fahrt. Somit waren alle Voraussetzungen für die Fahrt in den eingleisigen Abschnitt getroffen.

Während der ausfahrende Zug bereits losgefahren war, stellte der Fdl die Ausfahrweiche um, sie wurde jedoch nicht gesichert.

Möglicherweise wollte er durch sein Verhalten die Verspätung des Zuges reduzieren. Ein Anwenden der Betriebsregeln hätte zu einer höheren Verspätung des Zuges geführt, da die Sicherungsmaßnahmen eine gewissen Zeit in Anspruch nehmen. Wenn dieses jedoch die Absicht des Fdl war, so hat er damit gegen den in der Richtlinie 408.0111 (4) betrieblichen Grundregel verstoßen. In dieser Richtlinie heißt es:
Alle Mitarbeiter müssen in erster Linie für Sicherheit, dann für Pünktlichkeit des Bahnbetriebs sorgen.
Da er gegen die grundlegendste aller grundlegenden Bahnbetriebsregeln verstoßen hat, wird er nicht mehr als Fahrdienstleiter eingesetzt.

Eine lyrische Lesung dieses Unfalluntersuchungsberichtes als EUB-Trinkspiel findet sich übrigens bei YouTube. Sehr empfehlenswert.

(27.05.2017)

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